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Sterngucker
Der Sternenhimmel hat die Menschen schon immer fasziniert. Die ältesten erhaltenen Aufzeichnungen von Gestirnsbeobachtungen stammen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Die Astronomen der Babylonier vermuteten, daß die Lichter am Himmel wie Laternen am Himmelgewölbe aufgehängt seien. Manche von ihnen, darunter Sonne und Mond, verehrten sie als Gottheiten. Trotz der damals noch bescheidenen Mittel gelang es bereits 500 v. Chr. einem Babylonier, die durchschnittliche Dauer der Mondphasen auf 0,4 Sekunden genau zu berechnen.
 
Die Sternbeobachtung brachte den Menschen große Errungenschaften wie Kalendarien und Orientierungssysteme. Auf Wüsten- und Seereisen hatte man weder GPS noch Kompaß zur Verfügung - also orientierte man sich nach den Gestirnen. Ich vermute, daß heute nicht mal die Hälfte aller Mitteleuropäer in der Lagen wären, am Nachthimmel wenigstens den Polarstern zu finden oder zu erkennen, ob die Mondsichel gerade zu- oder abnimmt. Das, was wir als "Welt" bezeichnen, reduziert sich maximal auf die Erde - und verengt sich noch weiter auf das, was wir als persönlichen Horizont bezeichnen. Der hat bekanntlich bei jedem Menschen eine anderen Durchmesser. Bei manchen beschränkt er sich gar auf einen einzigen Standpunkt.
 
Die technischen Errungenschaften sind zweifellos eine große Hilfe für die Menschheit - allerdings haben sie auch einen Nachteil: Unsere Welt wird durch sie nicht größer, sondern kleiner. Dank des elektrischen Lichtes können wir die Nacht zum Tag machen - und verlieren dabei das Wissen um den Nachthimmel. In den Städten sind die Sterne aufgrund des starken künstlichen Streulichtes (auch "Lichtverschmutzung" genannt) kaum mehr zu sehen. Der Blick zum Sternenhimmel erübrigt sich.
 
Dabei geht es uns in gewisser Weise wie dem griechischen Mathematiker Thales, dem man ein ausgeprägtes Interesse für den Sternenhimmel nachsagt. Nur fallen wir auf der anderen Seite vom Pferd.
 
Wie auch den Thales, o Theodoros, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet, in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd soll verspottet haben, daß er, was im Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe.
 
Platon, Theaitetos, 147a, nach der Übersetzung von F.D.E. Schleiermacher.

 
Thales fällt in den Brunnen, weil er sich zu ausgiebig mit dem Himmel beschäftigt. Auch wir fallen in den Brunnen - weil wir die Sterne, die Symbole des Glücks, der kosmischen Ordnung und der Orientierung, nicht mehr am Himmel, sondern anderswo suchen: In den Illustrierten, im Kino, am Fernsehschirm. Wir nennen sie "Stars", und auch sie kommen und vergehen nach einer gewissen berechenbaren Regelmäßgkeit. Das an sich wäre noch nichts Verwerfliches - jeder Mensch braucht Unterhaltung, das war schon bei den alten Babyloniern so. Aber unsere Lage ist ernster: Während die Babylonier noch wußten, wie die Welt draußen vor ihrer Hütte aussah, droht uns der Verlust dieser einfachen und unmittelbaren Welterfahrung. Virtualität ersetzt Realität - und ist erfolgreich darum bemüht, neue Realität (die sich objektiv in Umsätzen messen läßt) zu schaffen. Die suggerierte Welt der Medienstars verdankt sich der kühl berechneten Kosmogonese durch die Strategen der Unterhaltungsindustrie. Wir, der betrachtende Mensch, werden dabei zum Konsumenten, zur Quote, zum bloßen gewinnabwerfenden Objekt degradiert. Damit geht auch der unaufhaltsame Siegeszug des Mainstream einher - denn gesendet, gedruckt und gepriesen wird das, was möglichst viele Menschen ansprechen soll - also ein langweiliges, von aller Individualität befreites Durchschnittsallerlei.
 
Diese Logik der modernen Laterna Magica ist leicht zu durchschauen - und selbst wenn man sich ihr aufgrund der allgegenwärtigen Medienberieselung nicht entziehen kann, so kann man sich doch eigene, individuellere Unterhaltungsquellen erschließen. Ein Artist im Zirkus, der mich - nur wenige Meter von mir entfernt - mit seinem Können am Trapez unterhält, und dem ich persönlich Beifall klatschen kann - das ist noch ein Stück reale Welt. Oder der Jazzposaunist, der mir die Zeit im Biergarten unverhofft zu einem musikalischen Erlebnis werden läßt, während ich in der Stimme seines Instrumentes noch etwas lebendiges, organisches und menschliches spüren kann - das ist Unterhaltung im Sinne von "jemanden zum Leben erhalten" - das ist selbst ein Stück Lebens-Kunst, nicht nur ein künstliches Industrieprodukt, das mich auf meine Kaufkraft reduziert.
 
Ich wundere mich über die Angst der Film- und Musikindustrie vor den sogenannten "Raubkopierern", durch die der Umsatz mittlerweile spürbar zurückgegangen sein soll. Vielleicht hat die Unterhaltungsindustrie für die schwindenen Nachfrage auch selbst die Verantwortung zu tragen. Denn in heutiger Zeit ist das für die Masse bestimmte, kopierschutzbedürftige Original bereits die Kopie seiner selbst! Denn es verdankt sich kaum mehr einer spontanen, künstlerischen Idee oder der Freude an einer "Art pour l'art" - sondern vielmehr einer kühlen Analyse dessen, was der Markt - damit ist die zur uniformen Konsumentenmasse degradierte Gesamtheit aller Menschen, die den Hersteller durch ihr Bedürfnis nach Unterhaltung bereichern sollen, gemeint - akzeptieren wird.
 
Zurück zu Thales und der Frage, warum wir mit ihm in den Brunnen fallen. Die Antwort ist naheliegend: Weil wir die synthetisch inszenierte Medienwelt für die wahre Welt halten. Ihr schenken wir einen Großteil unserer Lebenszeit, wir arbeiten mehr und mehr, um uns diese Welt leisten zu können und an ihr teilzuhaben. Thales nimmt die Sternenwelt wichtiger als das, was vor seinen Füßen liegt - wir erliegen dem künstlichen Zauber der modernen Unterhaltungsindustrie und vergessen darüber den echten Sternenhimmel, dieses funkelnde Juwel der realen Welt, dessen kostenloser Anblick uns immer wieder neu das Geheimnis, die Begrenztheit und die Einzigartigkeit unseres Daseins bewußt zu machen imstande ist.
 
Sternkarte

 
Und für alle, die sich schon immer einen Wegweiser für den Nachthimmel gewünscht haben, gibt es diese Karte hier zum Download. Man kann sie viermal ausdrucken, die Teile jeweils um 90 Grad drehen und sie dann zu einer vierseitigen Sternenlaterne zusammenkleben, die den Nachthimmel für alle vier Himmelsrichtungen erklärt. Ein Teelicht in der Mitte beleuchtet die Karte von hinten - so kann man, ohne vom grellen Kunstlicht gestört zu werden, nach Herzenslust die Sterne am Sommerhimmel beobachten und sich dabei an einem zauberhaften Stück Welt erfreuen. Zum Glücklichsein bedarf es oft weniger als wir denken ...
 
Download: Sternkarte Juli
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Praktische Astronomie-Seite, mit lokalisierbaren Sternkarten für fast jeden Ort!
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