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Das Satyrspiel
Das Satyrspiel ist - literarisch betrachtet - eine dramatische Gattung der griechischen Antike. Der griechische Tragödiendichter Pratinas führte das Satyrspiel um 500 v. Chr. in Athen ein. Es wurde fester Bestandteil des Theaterwettbewerbs, der anläßlich der Dionysien (Fest zur Ehren des Gottes Dionysos, s.u.) stattfand. Dabei traten die drei großen griechischen Dramatiker Äschylus, Sophokles und Euripides gegeneinander an. An den Festpieltagen wurden jeweils drei Tragödien und ein Satyrspiel von einem der Autoren aufgeführt. Das Satyrspiel ist ein heiteres, befreiendes Nachspiel, das den drei Tragödien folgte. Tragödien und Satyrspiel bilden eine sog. "Tetralogie".
 
Die Bezeichnung Satyrspiel entstand, weil darin die Sänger des Chors als Satyrn auftraten. In der griechischen Mythologie sind dies lüsterne und trunksüchtige Wald- und Berggeister, dargestellt als bocksähnliche Wesen oder mit Schwanz und Beinen eines Pferdes (nicht zu verwechseln mit den Faunen). Sie finden sich vor allem im Gefolge des Dyonisos, einem sterblichen Gott, der in der griechischen Mythologie die Symbolfigur des Weines, des Rausches und der Fruchtbarkeit ist. Er sendet seine Waldgeister (die Satyrn) aus, damit sie ihm und dem Weinbau Verehrer verschaffen.
 
Das einzige vollständig erhaltene Satyrspiel ist "Kyklopos" von Euripides; von anderen haben sich nur Fragmente erhalten. Im 5. Jh., zur Blütezeit des attischen Theaters, wurden etwa 300 Satyrspiele in Athen aufgeführt. Aus dem Satyrspiel, das ursprünglich nur der "Epilog" einer Reihe von Tragödien war, wurde später die eigenständige Gattung der Komödie.
 
Abgesehen von der literarischen Bedeutung hat das Satyrspiel eine wichtige psychologische Funktion. Das für die Gattung der Tragödie charakteristische schlechte Ende hinterließ beim Publikum eine gedrückte Stimmung. Das Satyrspiel hingegen sollte - ohne die vorausgegangene Tragik ganz aufzuheben - das Publikum wieder aufheitern und auf andere Gedanken bringen, damit es nach dem Theaterbesuch wieder leichter zu den täglichen Verrichtungen übergehen konnte. Oft wurden dabei die Helden der vorausgegangenen Tragödien auf lustig-derbe Art auf's Korn genommen.
 
Ein moderner englischer Begriff nennt diese Auflösung einer vorher erzeugten Spannung durch ein komisches Element auch comic relief. Nicht nur in der Kunst, auch in vielen anderen Bereichen unseres Lebens läßt sich diese Struktur Tragödie-Satyrspiel wiederfinden. Mit einiger interpretatorischer Freiheit läßt sich z.B. eine Parallele zwischen zahlreichen Fernsehkrimis und der griechischen Tetralogie feststellen: Am Schluß der Sendung wird die gedrückte Stimmung, die durch den negativen Verlauf und das düstere Milieu der Handlung entstanden war, durch eine kleine komische Begebenheit wieder aufgelöst. Oft geschieht dies durch einen Scherz oder durch das Aufgreifen einer lächerlich-komischen Begebenheit aus dem "Privatleben" eines der Fersehkomissare. Fehlt diese Auflockerung am Ende eines depressiv gestimmten Krimis, bleibt dem Zuschauer ein beklemmendes Gefühl. Dies kann vom Regisseur natürlich durchaus beabsichtigt sein.
 
Eine ähnliche Funktion wie das Satyrspiel hat m.E. auch der traditionelle Leichenschmaus nach einer Beerdigung: Der Ernst der vorausgegangenen Trauerfeier wird im Gespräch und im Austausch mit Freunden und Angehörigen und vor allem beim Essen (etwas für den Menschen sehr Entspannendes) relativiert. Eine Beerdingung ohne Leichenschmaus ist fast undenkbar. Die wichtige Funktion des Leichenschmauses zeigt sich u.a. darin, daß sich Beerdigungsgäste beim Fehlen desselben häufig auf eigene Faust noch irgendwo treffen, um miteinander zu sprechen, etwas zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen.
 
Aber noch einmal zurück zu den Medien. Eine Regel des Nachrichtenjournalismus besteht darin, daß wichtige Nachrichten zu Anfang, weniger wichtige Nachrichten am Ende gesendet werden. Aus dieser Abstufung ergibt sich, daß die schockierendsten Neuigkeiten, die uns am meisten bewegen, am Anfang stehen - um dann von immer leichter werdender Nachrichtenkost abgelöst und überdeckt zu werden. Hunger und Krieg in Afrika - na und, die Tour de France schiebt sich zwischen uns und die Tragödie. Das ZDF beherrscht im heute-journal die Kunst des Satyrspiels perfekt. Nach den ernsten Themen folgt als der Tragödie letzter Teil ein kurioser bis heiterer Beitrag, der den Zuschauer auf sanfte und harmlose Weise ins Bett geleiten soll.
 
In Die Nacht, der Spätnachrichtensendung von SAT1, wird der Zuschauer allein vom angekündigten Satyrspiel dazu gebracht, sich die Sendung überhaupt anzusehen. Das Satyrspiel besteht dabei aus einer unerhörten bis skandalösen Begebenheit, die dem Zuschauer aufgrund ihres Tratsch-Wertes natürlich bereits bekannt ist. Aber die permanente Ankündigung derselben schon während der vorausgehenden Sendung suggeriert das Versprechen, man werde noch mehr über diese Begebenheit erfahren - wenn man nur bereit ist, diverse Werbeblöcke und einige kurz gehaltene relevante Nachrichten über sich ergehen zu lassen. So wird das Satyrspiel zum Hauptteil der Tragödie. Eine Entwicklung übrigens, die bereits im Theater der Antike stattfand. Denn aus der älteren Tragödie wurde - auf dem Umweg des Satyrspiels - die Komödie. Die heutige Parallele liegt nahe: Aus der sachlichen Nachrichtensendung, die die Fakten beim namen nennt ohne sie zu skandalisieren oder zu kaschieren wird das Infotainment - Unterhaltung durch Nachrichten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Neuigkeiten positiver oder negativer Natur sind - der Zuschauer wird sich in jedem Falle unterhalten fühlen.
 
Und wer den endgültigen und totalen Umschwung zum Infotainment nicht erwarten kann, der harre zumindest auf den Wetterbericht. Denn das Gespräch über das Wetter - so lautet die beinahe sprichwörtliche Weisheit - erstickt jede relevante Kommunikation. Man könnte fast meinen: wo über das Wetter geredet wird, stimmt etwas nicht. Und so überspült der für morgen vorhergesagte Regen das Leid, von dem uns die täglichen Nachrichten künden, und die Sonne von übermorgen scheint bereits über der untergehenden Welt. Wobei: Immerhin impliziert der Wetterbericht ja die Annahme, daß es einen morgigen Tag mit dazugehörigem Wetter gibt. Vom Wetter reden heißt, von morgen reden - ein Grund zur Hoffnung also.
 
Menschliche Kommunikation befindet sich seit jeher im Zwiespalt zwischen Unterhaltung und Belehrung, zwischen Komödie und Tragödie, ob im attischen Theater der Antike, im Narrenspiel des Mittelalters oder in den Nachrichten des Medienzeitalters. Tragödie und Komödie gehören zusammen - aber nur im ausgewogenen Zusammenspiel kann jede der beiden ihre Wirkung und ihren Nutzen enfalten.
 
Und um dem Leser seiner Gewohnheit gemäß nun ein Satyrspiel zu gewähren, das seine Gedanken von derlei fragmentarischen und ungeordneten Überlegungen ablenken mag, sei noch ein allerletztes Beisiel für das Vorkommen eines Satyrspiels erwähnt. Es ist das Stattfinden des allseits bekannten, großen Festes unter sternenklarem Himmel, bei dem die ausgelassenen Gäste ein bestandenes Abenteuer feiern, dabei Unmengen von gebratenem Wildschein verspeisen und fässerweise Cervisia trinken - und nur einer aus hinreichend bekanntem Grunde nicht mitfeiern kann. Gute Nacht.
Das Teichoskop
 
Prolog:
 Das Teichoskop
 
Essais:
 Über Montaigne
 Über Lévinas
 Die Paralipse
 Orthographie
 Sterngucker
 Das Satyrspiel
 
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