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Orthographie
Das Wort "Orthographie" stammt vom griechischen orthos, richtig, und von graphein, schreiben. Orthographie ist die in bestimmten Regeln festgelegte, allgemein geltende Schreibung der Wörter.
 
Mit Orthographie und Sprache hatte ich eigentlich nie Probleme - dank eines gewissen Sprachgefühls habe ich auf dem Gymnasium trotz meiner Bequemlichkeit das Latinum erworben, Englisch und Französisch gelernt, gute Deutschnoten erzielt und schließlich 1995 das bayerische Abitur geschafft. Während des Hochschulstudiums kamen (innerhalb eines Jahres) noch Hebraicum und Graecum dazu.
 
Ich schreibe und lese gerne - Sprache ist für mich etwas schönes und lustvolles. Sprache ist die Kategorie, in der Menschen denken, sich austauschen, neues erlernen, ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Sprache ist etwas menschliches, etwas, was man weitgehend intuitiv erlernt, in sich aufnimmt und anwendet. Unsere Sprache sagt viel über uns und unsere Denkweise aus - sie ist ein linguistischer Fingerabdruck, untrennbar mit unserer Person, unseren Lebenserfahrungen und unserer individuellen Identität verbunden.
 
Alle deutschsprachigen Texte, die mir im Laufe meines Bildungsweges begegnet sind, waren, vom ersten Schultag an bis zum Hochschulabschluß 2003 - komplett nach "alter" Rechtschreibung geschrieben. Daß 1996 eine neue Rechtschreibregelung eingeführt wurde, ging weitgehend an mir vorüber - nicht zuletzt, weil ich ein Lesepensum von bis zu 1000 Buchseiten pro Semester zu bewältigen hatte.
 
Erst jetzt, da ich selbst einige Stunden an Grund- und Hauptschule unterrichten muß, komme ich mit der neuen Rechtschreibung in Kontakt, wenn die Schüler wohlmeinend meine Tafelanschriften und Arbeitsblätter korrigieren. Ich gebe natürlich jedesmal entschuldigend nach - schließlich wenden diese Kinder nur brav das an, was ihnen ihre Lehrer beizubringen verpflichtet sind.
 
Nach zwanzig Jahren intuitivem und lexikalisch weitgehend "richtigem" Sprachgebrauch sehe ich mich nun etwas hilflos mit der sogenannten "Rechtschreibreform" konfrontiert, die im Sommer 2005 nach mehreren Korrekturversuchen und immer verzweifelter werdendem Protest endgültig in Kraft treten wird. Anfangs war ich noch guten Willens, mich anzupassen und mir die Regeln bei Gelegenheit anzueignen. Mittlerweile habe ich aufgegeben. Ich wende wieder die "alte" Rechtschreibung an. Notizen, Predigtmanuskripte, Mitschriften, Exzerpte, Konzepte, Briefe, Emails, Internetseiten - alles schreibe ich so, wie ich es meinem Sprachgefühl zufolge als richtig und stimmig empfinde - und dabei folge ich intuitiv der ehemaligen Rechtschreibung. Einzig und allein was für Kinderaugen bestimmt ist, wird von mir in einem zweiten Arbeitsgang an die neue Regelung angepaßt - meistens mit Hilfe der Suchen-Ersetzen-Funktion meines Textverarbeitungsprogrammes.
 
Eine neue Rechtschreibung gibt es für mich nicht - denn sie produziert eine gefühlsmäßig falsche Schriftsprache, verdient also subjektiv gesprochen nicht die Bezeichnung "Rechtschreibung". Und von der neuen Rechtschreibung zu sprechen, ist ohnehin nicht sinnvoll - denn als einheitliches, anwendbares Regelwerk existiert sie ausschließlich in der Theorie. In der geschriebenen Wirklichkeit sind mehr und mehr "Hausorthographien" zu beobachten - letztlich ein Rückfall in die Zeit vor 1901, als zum ersten Mal eine Einheitsorthographie für die deutsche Sprache festgelegt wurde. So hat sich die Wochenzeitung "Zeit" eine eigene Regelung geschaffen, die weder mit der "neuen" noch mit der "alten" Rechtschreibung übereinstimmt. Die "Neue Zürcher Zeitung" wendet nur einen Teil der neuen Regeln an. Die "Frankfurter Allgemeine" ist 2000 unter dem Beifall ihrer Leser zur alten Regelung zurückgekehrt (ebenso der Deutsche Hochschulverband), die "Junge Welt" und die "Wiener Presse" haben die Neuregelung von vornherein ignoriert. Auf der Website der Deutschen Presseagentur gibt es Merkblätter zur neuen Rechtschreibregelung, die zumindest einen Minimalkonsens innerhalb der journalistischen Zunft herstellen sollen. Von einer auch nur annähernd vollständigen Umsetzung der Reform ist man aber auch hier weit entfernt. Selbst bei neu erscheinenden Büchern wird die Rechtschreibreform nur zu 70 bis 80 Prozent umgesetzt. Diese zögerliche Anwendung der neuen Regeln hat einen guten Grund: Die Sprache soll für den Zeitungsleser leicht verständlich sein. Das ist bei konsequenter Anwendung der neuen Zeichensetzungsregelung nicht der Fall - Sätze brechen syntaktisch auseinander, Bezüge werden uneindeutig. Das möchte niemand seinen Lesern zumuten - schließlich schreibt man, um verstanden zu werden.
 
Die Einheitlichkeit der Orthographie ist damit verlorengegangen. Die Reform wollte eine Vereinfachung bringen - dieses Ziel wurde meiner Meinung nach verfehlt. Denn während ich früher intuitiv richtig schrieb, gelten nun künstliche Regeln, meinem Sprachgefühl komplett widersprechen. Zudem gibt es viele Alternativregelungen - man kann offiziell manches so oder so schreiben. Warum hat man sich dann eigentlich zu einer Reform entschlossen?
 
Die Reformer behaupten zwar stets, die Zahl der Regeln bedeutend verringert zu haben. Aber das ist nicht einmal bei der ss/ß-Schreibung der Fall, geschweige denn bei der Getrennt- und Zusammenschreibung. Hier reichte bisher ein ausgebildetes Sprachgefühl: ein Ohr für die Betonung, ein Sinn für die Bedeutung. Jetzt hilft nur noch der Blick ins Wörterbuch. Und der beweist dann, daß nicht einmal die Lexikographen mit den Vorgaben des Regelwerks ohne weiteres klarkommen.
 
Reinhard Markner (Vorsitzender der Forschungsgruppe Deutsche Sprache): Rechtschreibung als Verhandlungsmasse. Erschienen in: Ossietzky 11/2004

 
Wie die Kinder in der Schule zu schreiben haben, wird sich in Zukunft nach der jeweiligen Rechtschreibmode und den kursierenden Wörterlisten richten - ich für meinen Teil bleibe bei im außerschulischen Bereich bei der alten und einzigen Einheitsorthographie, die die deutsche Sprache je kannte. Das kann mir glücklicherweise auch niemand nehmen. Denn vorgeschrieben ist die neue "Rechtschreibung" einzig und allein für den Bereich der Schulen, in allen anderen öffentlichen Bereichen hat sie aus rechtlichen Gründen lediglich den Status einer Soll-Bestimmung, an die sich Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes halten können, aber nicht müssen. Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt:
 
Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt. Personen außerhalb dieses Bereichs sind rechtlich nicht gehalten, die neuen Rechtschreibregeln zu beachten und die reformierte Schreibung zu verwenden. Sie sind vielmehr frei, wie bisher zu schreiben. Auch durch die faktische Breitenwirkung, die die Reform voraussichtlich entfaltet, werden sie daran nicht gehindert.
 
Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 14.07.1998, Az.: 1 BvR 1640/97, S. 59

 
Orthographie (im Sinne einer allgemein verbindlichen Regelung) - gibt es also nicht mehr. Es gibt nur noch Menschen, denen eine gemeinsame Sprache eigen ist und die sich ihrer als Ausdrucksmittel und Kunstform bedienen. Die Sprache gehört damit endgültig dem Volk, nicht einer Reform oder einer Regierung. Richtig und falsch ist nun abgeschafft - jeder darf (und angesichts der Verwirrung könnte man hinzufügen: muß) schreiben, wie ihm die Finger gewachsen sind. Die Reform lohnt also die ganze Aufregung nicht - man schreibt einfach so, wie bisher und freut sich an der Sprache.
 
Ich blättere in zweihundert Jahre alten Zeitschriften. Was für ein Zauber der Sprache!
Und wer, zum Teufel, schert sich heute darum, ob der damalige Autor damals nach der damals verbindlichen Syntax geschrieben hat?

 
Aus: Stanistaw Jerzy Lec, Kleine Prosa (Nachlaß).

 
Das Teichoskop
 
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 Über Lévinas
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 Orthographie
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