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Über Montaigne
 
Ich "begegnete" Michel de Monaigne durch Zufall während der Vorbereitung auf eine Philosophieprüfung. Ich kann nicht mehr sagen, was es genau war - irgend etwas machte mich auf ihn neugierig, und so las ich nebenbei seine Essais, die 1580 in Frankreich erschienen waren.Michel de Montaigne
Michel de Montaigne
Heute möchte ich die Gesellschaft des Herrn Montaigne nicht mehr missen. In der Vorrede zu den Essais - er nennt sie auch "Sammelsurium" oder "Sudelgeköch" - schreibt er:
"Lieber Leser!
In dem Buch, das ich vorlege, will ich aufrichtig sein. Ich sage dir gleich, daß die Absichten, die ich darin verfolge, nur privater und persönlicher Natur sind. Ich habe gar nicht daran gedacht, ob du es brauchen kannst und ob es mir Ruhm einbringt; dazu reichen meine Kräfte doch nicht. (...) So also, lieber Leser, bin ich selbst der Gegenstand meines Buchs: es lohnt sich nicht, daß du deine Zeit auf einen so gleichgültigen und unbedeutenden Stoff verwendest; also: leb wohl!"

 
Schloß Montaigne, am 12. Juni 1580
Doch gerade weil er der Gegenstand seines Buches ist, hat sich dessen Lektüre für mich gelohnt. Ich habe - ob es ihm nun gefallen mag oder nicht - Montaigne als Freund gewonnen. Was mich an ihm so fasziniert, ist das Verhältnis von Innen- und Außenwelt, das in seinen Essais auf fast spielerische Art zum Ausdruck kommt. Montaignes kritisches Selbst- und Weltverständnis wirkt dabei sehr modern - obwohl er ein Mensch des 16. Jahrhunderts ist.
Wer war Michel de Montaigne?
 
Das Frankreich des 16. Jahrhunderts ist von großen Unruhen und Umwälzungen geprägt. Die Reformation breitet sich in Frankreich aus. An den Spitzen der Konfessionsparteien stehen Adlige, in deren Konflikt sich politische und nationale Aspekte mischen. Fast vierzig Jahre lang toben die Hugenottenkriege, die erst durch das Edikt von Nantes 1598 ein allmähliches Ende finden. Das Landgut Montaigne
Das Landgut Montaigne
In dieser schwierigen Zeit lebt Michel de Montaigne (1533-1593). Als er 38 Jahre alt ist, zieht er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Zuletzt war er Ratsherr der Stadt Bordeaux (ein sehr angesehenes Amt), bevor er sich auf das Landgut seines Vaters begibt, wo er zu schreiben beginnt. Damit schafft er, ohne es beabsichtigt zu haben, eine neue Literaturgattung: Die Essais. In ihnen spricht Michel de Montaigne, der eine humanistische Ausbildung nach italienischem Vorbild genossen hatte, nicht als Gelehrter, sondern als Ungelernter, als Dilettant.
"Was ich hier vorlege, sind nur Proben meiner angeborenen, nicht meiner erworbenen Fähigkeiten: Wer mir etwas nicht gewußtes nachweist, widerlegt mich nicht (...). Das hier sind meine Einfälle, und mit ihnen ziele ich nicht auf die Erkenntnis der Außenwelt, sondern auf die meines Ich ..."
 
Michel de Montaigne, Über die Bücher (Essays, Buch II).
Montaigne steht seiner Welt skeptisch gegenüber. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit beurteilt er kritisch. Obwohl er in seinen Essais auch Wertungen abgibt, kennzeichnet er diese als seine subjektiven Empfindungen. Es ist gerade das Eingeständnis der begrenzten Erkenntsfähigkeit und die Einsicht, nicht auf jedem Gebiet Fachmann sein zu können, woraus Montaigne die Freiheit gewinnt, sich subjektiv zu unterschiedlichsten Themen zu äußern. Ein "absolutes Wissen" gibt es für ihn nicht, sondern nur fragmentarisches Erkennen. Und auch wenn seine Grundfrage lautet: "Wer bin ich?" macht seine Skepsis vor der Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, nicht Halt. Trotzdem ist Montaigne weit von zynischem Nihilismus entfernt. Seine Skepsis ist nicht destruktiv, sondern hebt den Wert des kleinen Einzeldinges gegenüber dem Großen, Allgemeinen hervor. Montaignes Skepsis befreit ihn zu sein, wer er ist.
"... es gibt keine irgendwie feststehende Existenz dessen, was wir als unser Wesen, noch dessen, was wir als Außenwelt bezeichnen; wir selbst, unser Urteil und alles, was sterblich ist, zerfließt immer wieder und rollt unaufhörlich dahin. Da sowohl der urteilende Mensch als die beurteilte Außenwelt ewig unsicher und veränderlich sind, kann über beide nichts Sicheres ausgesagt werden ..."
 
Michel de Montaigne, Verhalten dem Tod gegenüber (Essays, Buch II).
Montaigne steht der aufklärerischen Besserwisserei angenehm kritisch gegenüber. Freude, Willkür und persönliche Vorlieben sollen nicht durch die kühle Ratio ersetzt werden - denn der Mensch ist mehr als nur Vernunftwesen.
"Ich habe etwas gegen die Vernunft, die den Spaß verdirbt, gegen ihre übertriebenen Ansprüche, durch die das Leben vergewaltigt wird, dagegen, daß die Ansichten, wenn sie wahr sind, so spitzfindig dargestellt werden; die »raison« ist zu unbequem und ihr Nutzen zu teuer erkauft. Dagegen trete ich dafür ein, daß man den Wert sogar des Nichtigen und der Eseleien verstehen lernt, wenn sie mir Freude machen; ich lasse mich eben treiben, wohin mein natürlicher Hang mich führt; und diesem lege ich keine zu engen Beschränkungen auf."
 
Michel de Montaigne, Alles ist eitel (Essays, Buch III).
Die Betrachtungen Montaignes sind grötenteils aus dem Leben gegriffen. So erzählt er, wie er einmal vom Pferd fiel oder welche Merkmale er an Frauen besonders schätzt (eines seiner Essais trägt den Titel "Dreierlei Umgang: Freunde, Frauen, Bücher"). Einge Gedankengänge sind auch von seinem politischen und öffentlichen Leben inspiriert. Dabei entwickelt Montaigne ein faszinierendes Verhältnis zu sich selbst und zu seiner Umwelt. Es ist abgrenzend und öffnend zugleich, ähnlich einer semipermeablen Membran. Aus Nähe und Distanz wird ein unverkrampftes und ungekünsteltes Gedankenspiel, das frei ist, auch einmal unvermittelt ein begonnenes Thema zu verlassen und sich plötzlich einem anderen Gegenstand zuzuwenden. Immer wieder streift Montaigne dabei Fragen der praktischen Lebensklugheit.
"Ordnung halten ist eine glanz- und lichtlose Tugend. Eine Festung stürmen, eine Gesandtschaft führen, ein Volk regieren, das sind Taten, die auffallen; schelten, lachen, verkaufen, bezahlen, lieben, hassen, und mit den Seinen und mit sich selbst Gespräche führen - bei alledem behutsam und gerecht bleiben, nicht locker lassen, sich nicht untreu werden -: Das ist etwas Selteneres, Schwierigeres und weniger Außerordentliches. (...) Der Tugend dienen, sagt Aristoteles, ist im Privatleben eine schwierigere und höhere Aufgabe als im Amtsleben ..."
 
Michel de Montaigne, Von der Reue (Essays, Buch III).
Die Essays von Montaigne gibt es sehr preisgünstig in einer leicht gekürzten Form z.B. bei Reclam (in deutscher Übersetzung). Für mich eine der schönsten Lektüren für faule Urlaubs- und Regentage, die unterhält und anregt und doch nichts von einem zu wollen scheint. Montaigne wird, indem er dem Leser seine Gedanken in scheinbar freier Assoziation mitteilt, zu einem ebenso greifbaren wie angenehmen Gegenüber.
 
Leben ohne Montaigne? Für mich unmöglich. Das ganze Leben ist schließlich ein Essai: Ein menschlicher, fragmentarischer aber kunstvoller Versuch, der sich nicht ausrechnen oder durch die Vernunft in Kategorien drängen läßt - und gerade darin mehr ist als nur die Erfüllung einer Funktion oder Aufgabe.
"Das Meisterstück eines Menschen, auf das er besonders stolz sein kann, ist, sinnvoll zu leben; alles übrige, wie regieren, Schätze sammeln, Bauten errichten, sind Nebensachen."
 
Michel de Montaigne, Über die Erfahrung (Essays, Buch III).

 
Links
 Michel-Montaigne.de
Website mit vielen Texten, Zitaten und biographischen Informationen über Michel de Montaigne, einer ausführlichen Biographie und einer Linksammlung.
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