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Über Levinas
Emmanuel Lévinas ist einer der Philosophen, die mein Denken (und hoffentlich mein Handeln) mit am stärksten beeinflußt haben. Die Beschäftigung mit seiner Philosophie der Andersheit des Anderen hat mir neue Horizonte im Umgang mit anderen Menschen erschlossen. Deshalb widme ich ihm diesen laienhaften Essai.
 
Emmanuel Lévinas wurde am 12. Januar 1906 als Sohn einer jüdischen Familie in der litauischen Stadt Kaunas, ca. 200 km östlich von Königsberg geboren. Nach seiner Schulzeit in Litauen und Rußland begann er 1923 in Straßburg zu studieren. Einer seiner dortigen Lehrer, Jean Heering, führte ihn in die Phänomenologie ein, die damals in Deutschland vorherrschende Philosophie. 1928-1929 studierte Lévinas in Freiburg, wo er Martin Heideggers erste und Edmund Husserls letzte Vorlesung erlebte. Ab 1930 studierte er in Paris an der Sorbonne. Er erhielt die französische Staatsbürgerschaft und heiratete 1932 in Litauen. 1939 wurde er zum Militärdienst eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Seine Familie wurde während des Krieges in Litauen von den Nazis ermordet.
 
Lévinas, der fast ausschließlich in französicher Sprache publizierte, lehrte seit 1962 als Professor der Philosophie. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorate. Lévinas starb am 25. Dezember 1995 in Paris.
 
Es ist unmöglich, die Gedanken von Lévinas auf knappem Raum zusammenzufassen. Deshalb beschränke ich mich auf die Kommentierung einiger Textstellen, die ich für besonders sprechend halte - mögen sie die Leserin und den Leser dazu inspirieren, sich selbst mit dem Werk von Lévinas zu beschäftigen.
"Es ist banal zu sagen, daß wir niemals im Singular existieren. Wir sind umgeben von Seienden und Dingen, zu denen wir Beziehungen unterhalten. Durch das Sehen, durch das Berühren, durch die Sympathie, durch die Arbeit im allgemeinen sind wir mit den anderen. Alle diese Beziehungen sind transitiv; ich berühre einen Gegenstand, ich sehe den Anderen. Aber ich bin nicht der Andere. Ich bin völlig allein."
 
Emmanuel Lévinas, Die Zeit und der Andere (1946/47), S. 19f., Hervorhebung im Original.
In unserem Denken operieren wir viel zu oft und zu selbstverständlich mit dem mathematischen Gleichungszeichen (=). Das führt dazu, daß wir immer glauben, schon zu wissen - noch bevor wir wirklich gesehen, gehört und berührt haben. A ist nichts anderes als B - im Zuge unserer Vor-Urteile fällt alles in eins. Diese - teils unbewußte - Reduktion von Komplexität mag in lebenspraktischer Hinsicht durchaus Vorteile haben - im zwischenmenschlichen Bereich führt sie zu einer Abstumpfung und Verarmung unserer Beziehungen. Denn der Andere kann in keinster Weise vollständig erkannt und "gewußt" werden - er ist und bleibt ein unergründliches Geheimnis. Nur wenn ich ihm diesen Charakter der Unergründbarkeit zubillige, nehme ich ihn als Subjekt angemessen wahr. Beziehung kann sich nur in der Begegnung ereignen. Jede Wesensbeschreibung und Festlegung eines Menschen auf eine Eigenschaft geht über diesen Rahmen der unmittelbaren Begegnung hinaus, macht den Anderen zum Objekt - und wird ihm gerade deshalb nicht gerecht. Das bedeutet aber, daß wir Abschied nehmen müssen vom immer schon Gewußten und die Gleichungszeichen aus unserem Denken durch Fragezeichen ersetzen müssen. Erst dann entsprechen wir dem Gebot, nicht zu töten, erst dann gestehen wir dem Anderen sein Recht auf Leben zu, erst dann wird echte Begegnung möglich.
"Das Andere des Anderen ist nicht eine verstehbare Form, die im Prozeß des intentionalen 'Enthüllens' an andere Formen gebunden ist, sondern ein Antlitz, die proletarische Nacktheit, die Mittellosigkeit; das Andere ist der Andere; das Herausgehen aus sich selbst ist die Annäherung an den Nächsten; die Transzendenz ist Nähe, die Nähe ist Verantwortung für den Anderen, Stellvertretung für den Anderen, Sühne für den Anderen, Bedingung - oder Un-Bedingung - der Geiselschaft; die Verantwortung als Antwort auf das vorgängige Sagen; die Transzendenz ist Kommunikation, die über den bloßen Austausch von Zeichen hinaus die 'Gabe' beinhaltet, das 'offene Haus' - das sind einige ethische Formulierungen, durch die hindurch die Transzendenz als Menschlichkeit bedeutet oder die Ekstase als Des-inter-esse."
 
Emmanuel Lévinas, Wenn Gott ins Denken einfällt (1982), , S. 42f., Hervorhebung im Original.
Alles Seiende trägt die Signatur der Endlichkeit - so auch unsere menschliche Existenz. Wir sind nicht nur in zeitlicher und räumlicher Hinsicht begrenzt; unser ganzes Dasein reduziert sich auf die schmale Linie unserer Biographie, unser Urteilsvermögen, auf einen begrenzten Wahrnehmungshorizont, usw. Diese Endlichkeit ist einerseits unüberwindbar. Andererseits ist sie - in der Bewegung zum Anderen hin - transzendierbar. Nur die echte Begegnung, die über das hinausgeht, was ich immer schon vom Anderen zu wissen glaubte, kann meinen Horizont weiten. Gerade die Andersheit des Anderen, nicht mein Vor-Urteil qualifiziert deshalb eine echte Begegnung. Die wahrgenommene Andersheit ihrerseits ist nur spurenhaft - sie darf nicht zu vermeintlichem Wissen erstarren.
"Aber dieses Gegenüber des Antlitzes in seinem Ausdruck - in seiner Sterblichkeit - zitiert mich vor Gericht, fordert mich, beansprucht mich: als ob der unsichtbare Tod, dem das Antlitz des Anderen die Stirn bietet - reine Anderheit, die gewissermaßen von aller Zusammengehörigkeit getrennt ist - 'meine Sache' wäre. Als ob der Tod, den der Andere zwar noch nicht kennt, der ihn aber in der Nacktheit des Antlitzes bereits betrifft, mich anblickte und anginge, noch bevor ich selbst mit ihm konfrontiert werde, noch bevor er der Tod ist, der mich selbst anstarrt. (...) Der Tod bedeutet in der Konkretheit dessen, was für mich die unmögliche Preisgabe des Anderen an seine Einsamkeit heißt, bedeutet in dem an mich gerichteten Interdikt, mit dem diese Preisgabe belegt ist. Der Sinn dieses Todes beginnt im Zwischenmenschlichen. Der Tod bedeutet ursprünglich in ebender (sic) Nähe des anderen Menschen oder in der Sozialität."
 
Emmanuel Lévinas, Wenn Gott ins Denken einfällt (1982), S. 251f.
Die Sterblichkeit ist der stärkste Ausdruck menschlicher Endlichkeit und Bedürftigkeit. In der Begegnung mit dem Anderen wird mir dessen, aber auch meine eigene Sterblichkeit bewußt. In seiner Sterblichkeit ist mir der Andere gleichzeitig der Nächste - er geht mich unbedingt an, ich bin für ihn unbedingt verantwortlich. Das bedeutet einerseits, heteronom bestimmt zu sein - andererseits werde ich genau im Antworten auf den Anspruch, den das Antlitz des Anderen an mich stellt, einzig - niemand kann mich darin vertreten. Indem ich mich dem Anspruch unterwerfe, werde ich zum Sub-jekt.
"Nach dem Bilde Gottes sein heißt nicht, Ikone Gottes zu sein, sondern sich in seiner Spur befinden. Der geoffenbarte Gott unserer jüdisch-christlichen Spiritualität bewahrt die ganze Unendlichkeit seiner Abwesenheit, die in der personalen Ordnung selbst ist. Er zeigt sich nur in seiner Spur, wie in Kapitel 33 des Exodus. Zu ihm hingehen heißt nicht, dieser Spur, die kein Zeichen ist, folgen, sondern auf die Anderen zugehen, die sich in der Spur halten."
 
Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen (1963), S. 235f.
Zwischen der Gottesbeziehung und der zwischenmenschlichen Beziehung besteht eine gewisse Strukturanalogie: Beide, Gott und der Andere, entziehen sich meinem Wissen und Können. In meiner Endlichkeit und Bedürftigkeit bin ich letztlich auf beide angewiesen: Ich kann mich nicht selbst setzen, sondern werde gesetzt. Mein Handeln hat insofern immer Antwortcharakter, das auf den Anspruch des Anderen reagiert.
"So bedeutet die Anwesenheit des Antlitzes eine nicht abzulehnende Anordnung, ein Gebot, das die Verfügungsgewalt des Bewußtseins einschränkt. Das Bewußtsein wird durch das Antlitz in Frage gestellt. (...) Die Epiphanie des absolut Anderen Antlitz, in dem mich der Andere anruft und mir durch seine Nackheit, durch seine Not, eine Anordnung zu verstehen gibt. Seine Gegenwart ist eine Aufforderung zur Antwort. (...) Von daher bedeutet Ichsein, sich der Verantwortung nicht entziehen können."
 
Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen (1963), S. 223f.
Dem Anderen wertschätzend als dem ganz Anderen zu begegnen - das habe ich von Lévinas gelernt. In meiner Arbeit als Seelsorger hat mir diese Haltung schon oft geholfen, mich für Menschen so zu öffnen, daß eine wirkliche Begegnung möglich wurde. Lévinas lädt ein, hinzuhören, zuzulassen, den Anderen freizugeben, er selbst zu sein. Im Zulassen der Einzigartigkeit des Anderen werde ich mir immer wieder meiner selbst ganz neu bewußt - auch meiner Endlichkeit und Bedürftigkeit. Sich damit ganz bewußt auseinanderzusetzen und zu versuchen, die eigene Begrenztheit zu bejahen und sogar als Geschenk anzunehmen, sehe ich als bereichernde Herausforderung und Aufgabe.
 
Der Anspruch der lévinas'schen Ethik ist zweifellos hoch und in der Realtität kaum erfüllbar. Lévinas selbst, der zwar als liebenswert aber cholerisch galt, dürfte ihm auch nicht immer genügt haben. Gerade dieses Ungenügen macht meiner Meinung nach erst Menschlichkeit zwar erst aus - allerdings braucht sie den Horizont der Vergebung und des gnädigen Angenommenseins - ein Aspekt, den Lévinas in seinem persönlichen Leben nicht zuletzt aufgrund seiner jüdischen Herkunft sicher erfahren hat, den ich aber in seinem philosophischen Werk bisher vergebens gesucht habe.
 
Lesetips
Wer Lévinas lesen will, braucht auf jeden Fall eine gewisse Geduld und Beharrlichkeit - das Lesen seiner Texte war für mich eine gute Schule des Zuhörens und Ausreden-Lassens. Vieles erschließt sich erst nach mehrfachem Lesen und intensiven Arbeiten am Text. Da mein Fränzösich äußerst dürftig ist, habe ich Lévinas nur in Form von deutschen Übersetzungen gelesen - diese habe ich als sehr unterschiedlich gelungen empfunden. Die Übersetzungen von Thomas Wiemer und Ludwig Wenzler kann ich wegen ihrer Klarheit empfehlen. Bei Nikolaus Krewani hingegen empfand ich die syntaktischen Bezüge manchmal uneindeutig (was auch am französischen Originaltext liegen kann), was das Verständnis der Texte für mich sehr erschwerte.
Literatur
  • Peter Engelmann (Hrsg.): Emmanuel Lévinas. Ethik und Unendliches: Gespräche mit Philippe Nemo. 3., unveränd. Neuaufl., Wien, 1996.
     
  • Emmanuel Levinas: Die Zeit und der Andere. Übers. u. mit einem Nachw. vers. von Ludwig Wenzler. 3. Aufl., Hamburg, 1995.
     
  • Emmanuel Lévinas: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Übers., hrsg. und eingeleitet von Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg i. Breisgau/München, 1999.
     
  • Emmanuel Lévinas: Wenn Gott ins Denken einfällt. Diskurse über Betroffenheit von Transzendenz. Über. von Thomas Wiemer. Mit einem Vorwort von Bernhard Casper. 3., unveränd. Aufl., Freiburg i. Breisgau/München, 1999.
     
Links
 Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon: LEVINAS, Emmanuel
Ausführliche Biographie und Bibliographie zu Lévinas.
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 Wikipedia: Emmanuel Lévinas
Lexikonartikel der freien Enzyklopädie. Mit interessanten Links.
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 Bildlichkeit bei Emmanuel Lévinas
Sehr lesenswerter Artikel des "Magazin für Theologie und Ästhetik" von Susanne Dungs. Der Nähe zum Anderen stellt Levinas das Bild kritisch gegenüber.
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 Judentum heute - Emmanuel Lévinas
Lévinas aus jüdischer Sicht
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Prolog:
 Das Teichoskop
 
Essais:
 Über Montaigne
 Über Lévinas
 Die Paralipse
 Orthographie
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 Das Satyrspiel
 
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